Ausstellung Kunst am Rhein 1953
Neues Museum - Gemäldegalerie Wiesbaden mit Werner Arndt


Lebenslauf Leben für die Kunst Über seine Kunst Figurale Objekte Bilder Druckgrafik Handzeichnungen Aquarelle Ausstellungen Werkverzeichnis Home

Sprung zu den von W.A. ausgestellten Werken---------- Sprung zu den Kritiken

zurück

Ausstellungskatalog (Auszug)

Rot umrahmt, die ausgestellten Werke von Werner Arndt, klicken Sie auf
den Titel der Arbeit, wenn Sie sie betrachten wollen!

Mädchen vor dem Spiegel Atelierfenster Landschaft Frauenkopf

Zum Seitenanfang

Kritiken zur Ausstellung

WIESBADENER KURIER
(SAMSTAG, 21. MÄRZ 1953, Seite 18)

In jenen Räumen des Landesmuseums, die bis vor kurzem Bildwerke des neunzehnten Jahrhunderts aus den Beständen der Berliner Museen enthielten, wird am Sonntagvormittag eine neue Ausstellung eröffnet. "Kunst am Rhein 1953" betitelt sich diese Schau zeitge-nössischen Schaffens, die von der Stadt Wiesbaden und dem Nassauischen Kunstverein veranstaltet wird. Sie umfaßt Architektur, Plastik, Malerei, Graphik und Kunst-handwerk und soll, wie Dr. Clemens Weiler von der Städtischen Gemäldegalerie betont, den Zusammenhang der bildenden Künste untereinander aus einem land-schaftlich begrenzten Bezirk zeigen. Man hat versucht, die maßgeblichen, jetzt im Rheingebiet tätigen Künstler, wo immer auch sie herstammen mögen, für diese Schau zu gewinnen. Das Unterfangen war nicht leicht - nicht nur weil es bei der Auswahl sorgfältig abzuwägen galt, sondern auch, weil Zusagen oft nur unter Schwierigkeiten zu erhalten waren.
  Mit rund dreihundert ausgestellten Werken bietet die Schau, obwohl sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und will, einen aufschlußreichen Einblick in Art und Weg modernen Kunststrebens. Die Spann-weite ist erheblich, nicht nur im Thema, sondern auch in Form, Farbe, Komposition und Technik. Man findet Künstler, die längst zu Rang und Namen gekommen sind; man stößt aber auch auf andere, die, zumindest für das Rheingebiet, mehr oder minder neu ins Gesichtsfeld treten - auch wenn sie in ihrem Schaffen bereits Gereifte sind.
  Zu den Ältesten unter den Berühmten zählt der einst so revolutionäre Erich Heckel, dessen Landschafts-bilder, allem Streit und Lärm entrückt, in eine Atmosphäre zeitloser Verhaltenheit getaucht sind. Zu den Jüngeren gehört der seit dem Vorjahr stark in den Vordergrund getretene, aus Stralsund gebürtige, jetzt im Taunus ansässige Werner Arndt mit seinen außerordentlich intensiven Ölkompositionen. Neu für Wiesbadener Ausstellungsbesucher ist auch der aus Trier stammende, seit einiger Zeit in der Kurstadt-ansässige Edgar Ehses. An Wiesbadener Künstlern sind weiter die Maler Alo Altripp, Otto Ritschl, Hans Wagner und Vincent Wagner, sowie die Bildhauer Robert Bednorz, Carl Wilhelm Bierbrauer (mit seiner Büste von Oberbürgermeister Krücke), Erich Kuhn und, mit Kunsthandwerk, Johannes Boehland, Beate Kuhn und Hans Karl Starke vertreten.
  Insgesamt beteiligen sich an der Ausstellung etwa neunzig Künstler aus einem Gebiet, das von Köln und Düsseldorf bis nach Karlsruhe reicht. Das ist eine stattliche Zahl, und so sehr sie sich voneinander unterscheiden und soviel Abseitiges oder noch nicht Ausgereiftes darunter sein mag - in ihren Besten geben sie, das zeigt schon ein erster schneller Rundgang, einen charakteristischen Querschnitt durch das heutige Kunstschaffen am Rhein.              WK ---------------------------------------------------------------

-------------------------------

Mannheimer Morgen
(Mittwoch, 25. März 1953 / Nr. 71

Jllegitime Romantik

"Kunst am Rhein" in Wiesbaden

 Im Neuen Museum zu Wiesbaden wurde die Ausstellung "Kunst am Rhein" eröffnet, die erstaunliche Ausblicke eröffnet. Wie in einer der Ansprachen sehr zu Recht vermutet wurde, ist die abstrakte Kunst in Wahrheit nichts anderes als die illegitime Tochter der Romantik auf der Leinwand intellektuelle Aufhellung dessen, was im "Gefühl" des 20. Jahrhunderts vorgeht, sich ins Hirnliche übersetzt und von da aus mit Pinsel und Farbe Gestalt gewinnt. Abzuziehen ist der Bluff, lediglich das Spiel mit Linien und Komposition, aber bei eingehendem Studium ist er meist zu entlarven. In Wiesbaden hängt nichts Unehrliches, Unechtes, und das ist das höchste Lob, das man dieser Ausstellung zollen kann. Von innen her landschaftsgebunden ist sie nicht, das Etikett "Kunst am Rhein" besagt nur, daß die Ausstellenden am deutschen Teil des Rheins wohnen.
 Aus der Fülle des Gezeigten kann nur wenig herausgegriffen werden. Die Mannheimer wird Rudi Baerwind interessieren. Sein "Triptychon" (Narziß. Urteil des Paris, Daphne) ist hell-ornamental, bestechend in der farbigen Komposition, unpro-blematisch in der Diktion, ins Heutige transformierte Gauguin-Elemente verratend, jedoch durchaus ins Eigene über-geleitet. Erfreulich ist dabei, überhaupt ein Merkmal fast der ganzen Ausstellung, daß keine zerquälte Düsternis und Verzweiflung aus den Bildern spricht, wie nach dem ersten Weltkrieg bei den damaligen Avantgardisten Dix, Schmidt-Rottluff, Kokoschka, Erich Heckel. Eine der wenigen Ausnah-men bildet der Bad-Sodener Otto Greis mit seiner fast unerträglichen Vision "Agonie". Freudig und unbekümmert darauf losgemalt und voller Optimis-mus - unverkrampfter Optimismus - sind "Dorfplatz" und "Kiesgrube" von Oswald Petersen, Düsseldorf, mit viel Kadmiumgelb, farbig-expressiv aus der Natur kommend, im Gegensatz zu Otto Ritschl, Wies-baden, der mit dem Mut zur großen Fläche ohne jedes realistische Vorbild drei Kompositionen zeigt, die weiter nichts sind als Farben. Aber was für Farben! Sie wurden mit einem bestechend sicheren Instinkt über- und nebeneinander gesetzt, plastisch, aus der Intuition kommend und sind von starker dekorativer Wirkung. Interessant von Peter Herken-rath, Köln, ein Oelbild "Nonnen", die in Wahrheit nichts anderes sind als hintereinander gesetzte Grabsteine der Demut, ohne Gesichter, flächig und morbid in kühler Frömmigkeit. Großartig von Werner Arndt, Eisenbach im Taunus, das "Mädchen vorm Spiegel", voll süßer Anmut und Eros. Rundförmig im Figürlichen, dezent in der Farbe zu Gunsten breiter Konturen an Paula Moderson-Becker anknüpfend ist der junge Frankfurter Gerhard Hintschich mit seinem "Liebespaar". Beachtlich auch Peter Janssen, Düs-seldorf, mit "Vögel auf der Fähre", temperamentvoll gemalt, ganz aus der Impression kommend.
 Die Plastik ist nur gering vertreten. Das Kunst-handwerk bringt vor allem schöne Wandteppiche ("Der verlorene Sohn" von Grete Badenheuer, Essen!), außerordentlich sehenswert sind die vielen Architektenentwürfe. Die Bauten unserer Zeit sind zweckmäßig und schön, ob es sich um kirchliche oder um Profanbauten handelt. Hier hat man unbedingt das Gefühl: diesen Männern kann man vertrauen, sie wissen mit handwerklichem Können und Geschmack Stahl, Beton und Bequemlichkeit zu mischen.      J. H.

Zum Seitenanfang

WIESBADENER TAGBLATT
(Mittwoch, 25.März 1953)

Zusammenklang der Künste

Die Ausstellung "Kunst am Rhein 1953"

  Wenn sich die neue Ausstellung im Wiesbadener, Landesmuseum zum Ziel gesetzt hat, einen Überblick über die künstlerische Hervorbringung des Rheingebietes zu vermitteln und damit zugleich das Zusammengehen der Kunstgattungen, also ihre stilistische Einheitlichkeit aufzuweisen, so darf dieses Unternehmen als gelungen angesehen werden. Durch die Bemühungen ihres Organisators Dr. Weiler ist eine vielseitige interessante, und zu Diskussionen anregende Schau zusammengekommen, deren instruktive Bedeutung nicht gering einzuschätzen ist. Auch wenn keine bestürzenden Neuentdeckungen exzeptioneller Gestaltungsmöglichkeiten zu machen sind. Die durch das Fehlen verschiedener Malerpersönlichkeiten - etwa aus Darmstadt oder Mainz und Rheinhessen verursachten Lücken sowie die Beobachtung, daß einige bekannte Namensträger, nicht ihre besten Arbeiten oder noch im Stadium des Suchens befindliche Kompositionen nach Wiesbaden geschickt haben, vermögen den positiven Gesamteindruck nicht zu gefährden.

   Über die Absichten der modernen Kunst ist schon hinreichend geschrieben worden. Auch hier findet man sie allenthalben bestätigt. Jeder, dem geläufig ist, daß man auf allen Gebieten des geistigen Lebens zu neuen Wirklichkeiten aufgebrochen ist und daß mit den Formen naturhaften Abbildens keine gültigen Aussagen zu bewerkstelligen sind, wird sich von dieser Ausstellung angesprochen fühlen.

  Wie auf anderen Ausstellungen zeitgenössischer, Kunst werden auch hier bei allem Weiterschreiten Fäden zur Vergangenheit im Formalen und Geistigen erkennbar. So läßt die Lockerheit der geöffnet und beweglich gehaltenen Formen, aber auch so mancher Farbklang an die Haltung des Jugendstils denken, während das Bemühen, im Bild Transzendentes faßbar zu machen, mit der Auffassung der Romantik, das Kunstwerk sei die Hülle für Unendliches, deutlich in Parallele steht.

Malerei und Graphik

   Bei der Verwirklichung dieser Tendenzen bewegen sich ältere und jüngere Künstler in verwandten Bahnen. Was sie als Angehörige zweier Generationen oder als Persönlichkeiten trennt, ist nichts Grundsätzliches im Künstlerischen.

   Reine Seinsfakten werden von Otto Ritschl in asketisch strengen, freigefundenen Formen und großen, leuchtenden Farbflächen als Verbildlichungen im ldeenhaften ruhender Vorstellungen gestaltet. Seiner philosophisch statischen Ruhe und formalen Geschlossenheit stehen quirlend bewegte Kompositionen Ernst Wilhelm Nays gegenüber, die über den Rahmen hinauszudrängen und sich unendlich fortzusetzen scheinen. Doch bleibt bei aller Dynamik die abgewogene Einheit durch eine auf Bildmitte zielende, straffe Farbfügung erhalten Hieraus wird eine zwar nicht sofort erkennbare, doch wirksame Formgesetzlichkeit gewonnen Neben diesen beiden Meistern abstrakter Gestaltungsweise, sind ,noch Hann Trier, Joseph Faßbender und Louise Rösler mit tüchtigen Leistungen hervorzuheben. Leider lassen die hier gezeigten, auf großen, leeren Flächen abstrakt-organische oder figürliche Elemente ausbreitenden Kompositionen Gg. Meistermanns früher bewiesene Substanz vermissen. Eine Feststellung, die man besonders hinsichtlich des formalen Baues mit negativem Akzent den jungen Frankfurter Malern Karl Otto Götz, Otto Greis, Bernhard Schultze, Heinz Kreutz - letzterer jedoch in der Farbwahl sehr sensibel und sorgfältig - nicht ersparen kann. Die Wirklich poetischen Bildnamenerfindungen des Zweitgenannten - "Das Herz der Steinblume", "Garten der Eulen" - können über die inhaltliche Leere dieser in den zwanziger Jahren von anthroposophisch angehauchten Malern bevorzugt verwendeten Farbnebel nicht hinwegtäuschen. Um so überzeugender präsentieren unter den Jungen Werner Arndt ( "Mädchen vor dem Spiegel" ) und Gerhard Hintschich durch Bildbau, Proportionierung, Farbverteilung und handwerkliche Solidität ein vielversprechendes Können. Auch die Arbeiten von Eduard Frank, Peter Janssen und Friedrich Vordemberge hinterlassen in ihrem einfach klaren, gelegentlich sogar kühnen Bau einen vorzüglichen Eindruck. Unter den Wiesbadener Malern erscheint Vincent Weber als neuer Name mit einigen, reine Farbwerte leicht und sicher zusammenbindenden Aquarellen. Unter den Glasmalereien seien "Das Lamm Gottes" von Wilhelm Schmitz-Steinkrüger und eine Komposition von Meistermann anerkennend genannt.

   Bei den graphischen Blättern dominieren die farbigen; Helmut Göring und Georg Heck überlassen dabei noch dem Liniengefecht die Oberstimme, indes Rolf Müller-Landau seine Farbflächen in überlegt abgestimmten, vollen Akkorden zum Tönen bringt. Die hier gezeigten Holzschnitte von Rudolf Scharpf, vermitteln allerdings keine Vorstellung von der hohen graphischen Begabung, die dieser Künstler andernorts schon bewiesen hat.

   In diesem Zusammenhang sei auch auf die Bildhauerzeichnungen von Emy Roeder und Hans Mettel sowie die mehr schulgerecht tüchtigen als inspirierten Schwarz-Weiß-Holzschnitte von Gerhard Marcks und die geistreich nuancierten, elegant - knappen Farbholzschnitte von Ewald Mataré hingewiesen.                      A.G.

   (Ein Bericht über die Plastik, Architektur und das Kunsthandwerk wird folgen.)

Abb.: Gerhard Hintschich "Liebespaar"; Georg Meistermann "Glasfenster"; Friedrich Vordemberge "Kastanienblüten"

-------------------------------

NACHTAUSGABE
(Donnerstag 26 März 1953, - Zeitung unbekannt)

An den Katalogrand notiert

"Kunst am Rhein", moderne Schau mit hohem Niveau

Sie standen vor einem großflächigen "gegen-standslosen" Farbzauber des Wiesbadeners Otto Ritschl. Sie standen lange, lächelnd. "Du", fragte dann das junge Mädchen, "was stellt das nun eigentlich dar?"
   "Weiß der Teufel", sagte der junge Mann, " - aber macht's dir etwa kein Vergnügen? "
   Da habt ihr in sechs Worten einen Generalnenner dieser Ausstellung "Kunst am Rhein 1953" im Wies-badener Neuen Museum (geöffnet bis 31. Mai). Sie umfaßt 300 Objekte moderner Kunst. Malerei, Plastik, Kunsthandwerkliches und Zeugnisse der Architektur, gewachsen im großen Stromgebiet zwischen Bodensee und Ruhr. Sie mag mitunter er-staunen, Rätsel aufgeben oder einem, volkstümlich gesagt, kariert vorkommen, langweilig ist sie in keinem Punkte. Man findet Schwung und Vitalität, ja das Fluidum einer heiteren Seelenverfassung, etwas Rheinisches möchte man sagen, auf die Gefahr hin mißverstanden zu werden. Eine repräsentative mo-derne Schau von hohem Niveau!
   Die Ärgernisse zeitgenössischer Salons, die leidigen kleinen Problempinsler mit ihrer in Origina-littätssucht erklügelten Mache, fehlen fast ganz. Womit nicht gesagt ist, daß nicht bei so manchem dieser gestrigen und heutigen Modernen die Schwungkraft sichtlich nicht allein vom Herzen und Esprit, sondern mehr noch aus manieriertem Hand-gelenk kommt. Nun, die meisten dieser Werke sind keine Museumsstücke. Sie sind verkäu?ich und suchen ihren Platz im Leben dieser Zeit. Diese Chance sollten sie haben. Man kremple sich die Ärmel hoch und trete in die Diskussion ein.
   Die Bilder wird der Kunstgelehrte in drei Abteilungen vorstellen. Etwa so: Absolut Abstrakt Konkret. Und er wird von den "Nur-Farbe-Leuten" sprechen, vom "Bild-an-sich", von den Imaginativen, Abstrahierenden aller Grade und Schattierungen, und schließlich von den Sensorischen, dem Gege-benen der Natur eng verhafteten. Das sind blasse, unsichere Einteilungen von den Wänden sprüht indessen hundertfacher koloristischer Fanfarenton einer eigenen, einer neuen Welt.
   Da fesselt der vitale Kölner M e i st e r m a n n mit heiter lockeren Federballspielern, mit prächtigen Bahnen von leuchtendem Rot, Gelb und Blau stampft R i t s c h l einher, daneben findet sich der spiralig bizarre T r i e r (aus Bonn) und der symbolträchtige, geheimnisvolle A l t r i p p (Wiesbaden). Kölns H e r k e n r a t h zeigt eine imposante, gut komponierte Kaskade, "Stühle" be-titelt. A r n d t aus Eisenbach in T. bringt einen Akt und Landschaften mit Licht und Schatten in schweren Farben und kräftigen Konturen. Der Frankfurter L a m m e y e r bietet einen "Don Quichotte" von visionärer Transparenz, M ü l le r - L a n d a u einen chagallschen "Gefesselten Vogelruf".
   Die drahtigen diabolischen Karnevalsgrotesken des Frankfurter Le i s t i k o w sind ein Barraultsches Divertissement. In einer Ecke, geradezu ange-schrien von den ungebärdigen Figuren H i t s c h i c h s (Frankfurt), ein anmutiges, wiewohl etwas glatt-elegantes Frauenporträt des freundlichen Ari K a m p f. Dann P u d l i c h mit ingeniösen Federzeichnungen und P a n k o k, der wirbelnd Kraftvolle. M a r c k s läßt mit virtuosen Holzschnitten, mit einem aufschlußreichen Selbst-porträt aufmerken. H e c k el (Karlsruhe) ist vermutlich der Senior der Ausstellung, seine bu-kolischen, duftigen Bodenseebildern in ihrer sub-limen gleitenden Stimmung finden das hörbare Lob des Publikums.
   Etwa dreißig Plastiken, hervorstechend: Emmy R o e d e r (Mainz), mit ihren kräftigen, markanten Porträtbüsten, die vornehme anmutige "Angela" des Kölners J a e k e l und M a t a r e s pointiert witziges Eisenguß-Liebespaar "Zueinander". Dazu neben geschmackvollem Kunsthandwerk die groß?ächigen Architekturphotos der Bauten von Bartning, Böhm, Giefer, Mäckler, Krahn, Pfau, Rasch, Schwarz, Schwippert und G. Weber. Und auch hier der apollinische Akzent dieser modernen Schau die geistreich ist und überraschend lebendig.
   Als der Chronist sein Notizbuch schloß, näherte sich ihm eine ältere soignierte Dame, sichtlich betroffen, Zustimmung heischend. "Was würde Albrecht Dürer sagen, zu all dem?", so meinte sie bekümmert. Nun, Madame, er wäre keineswegs verwundert. Er würde lächeln. Man müsse "inwendig voller Figur" sein, so pflegte er zu sagen, und aus der inneren Schau "allweg e t w a s N e u e s durch die Werk' ausgießen".

Edmund LUFT

Zum Seitenanfang

DIE NEUE ZEITUNG
(NR.73 / 27.März 1953)

Kunst am Rhein 1953

Ausstellung in Wiesbaden

"Wiesbaden, 26; März. - Die "Weltkurstadt am Taunus" Freunden des Theaters - als Stätte der Maifestspiele wichtig, hat seit 1945 auch für die Liebhaber der bildenden. Künste eine wachsende. Bedeutung gewonnen. Zu den periodischen Dar-bietungen der Schätze der Berliner Museen gesellt sicht jetzt eine reichhaltige Schau. "Kunst am Rhein 1953", die im Landesmuseum bis zum 31.Mai geöffnet bleibt. (Dann soll die lang erwartete Ausstellung "Meisterwerke italienischer Kunst aus vormals preußischem Staatsbesitz" folgen) In Wiesbaden sehen wir gegenwärtig - ein erfreuliches Novum - außer Malerei, Plastik und Graphik auch Kunsthandwerk und, durch Großphotos veran-schaulicht, Architektur.
   "Am Rhein". bedeutet etwa das Land vom südlichen Schwarzwald bis zur Tiefebene von Xanten; es fällt auf, in wie hohem Maße diese uralte Zone intensiven kulturellen Lebens seit 1945 für Künstler aus Ost- und Mitteldeutschland eine neue Heimat geworden ist. Gab im 19. Jahrhundert das nördliche Rheinland ständig Begabungen an Berlin ab, die Pfalz an München, so treffen .wir in der Wiesbadener Schau Zuwanderer, die an Zahl und Rang nicht zu übersehen sind: Die. Berliner Marcks und Nay wurden Kölner, der Sachse Erich Heckel. wirkt in Karlsruhe; die Westpreußen Bernhard Schultze, Hans Leistikow und Hanni Floris, die Pommern Utech und Arndt, Bednorz aus Schlesien, Hintschich aus Mähren - sie alle bedeuten einen schätzenswerten Zuwachs. So heißt es nicht "Rheinische Kunst", sondern mit Recht "Kunst am Rhein".
   In der Abteilung Malerei halten sich, wie heute allenthalben, die Abstrakten und die, Naturzu-gewandten der Zahl nach etwa die Waage. Doch fällt es auf, daß bei den Abstrakten die älteren Geburtsjahrgänge die konsequentesten Leistungen bringen, allen voran der heute 68jährige Otto Ritschl, weiterhin der 51jährige Nay. Der Nachwuchs, zum Teil mit der bekannten Tröpfeltechnik Polloks arbeitend (bei der die Leinwand ?ach auf dem Boden liegt), ist offensichtlich nicht in der Lage, wesentlich neue künstlerische Ideen zu entwickeln. Mancher kritischer Besucher wird es sich nicht versagen können, die ineinanderfließenden Farb-flecken des Bildes "Agonie" (Kat. Nr. 34) nicht als repräsentatives Symbol unserer Epoche, sondern als Hinweis auf das gegenwärtige Entwicklungs-stadium des betreffenden Malers aufzufassen. "Wieviel frischer und verheißungsvoller wirken daneben die drei großen "neo-realistischen" Gemälde des heute 35jährigen Werner Arndt. Wir haben an dieser Stelle seinen Namen schon 1951 in einem Bericht aus Darmstadt, 1952 erneut anläßlich der Wiesbadener Weihnachtsausstellung genannt. Im Anschluß an Beckmann wird "das Bild der Welt" von diesem gebürtigen Pommern als Erlebnis eines Augenmenschen und geborenen Malers aufge-nommen und gestaltet; meisterhaft ist in den drei großen Bildern durch "Repoussoirs" (Mädchen, Staffelei, Bäume) Raum geschaffen, ohne das Verkürzungen die Flächigkeit stören. Die weiche Kontour des weiblichen Körpers in dem Bild "Mädchen vor dem Spiegel" verrät kluges Studium des frühen Matisse ("La joie de vivre"). Mit Arndt ist eine große neue Begabung sichtbar geworden.
   Verheißungsvoll sind auch die Ansätze des erst 29jährigen Hintschich, der in Paris jüngst dortigen Neo-Realisten vom Schlage eines Buffet begegnet ist. Von bekannten Malern der mittleren Generation sind günstig vertreten Alo Altripp ("Chaldaea"), Eduard Frank ("Märtyrer"), Peter Herkenrath ("Non-nen"), Peter Janssen("Vögel"), Ferdinand Lammeyer ("Don Quijote") und Will Sohl ("Hammel").
   Unter den Plastikern überrascht Emy Roeder durch einen zwischen Stilisierung und Natur-wiedergabe meisterhaft die Mitte haltenden Porträt-kopf des expressionistischen Altmeisters Erich Heckel, eine Bronzearbeit, deren Guß soeben vollendet wurde. Hans Mettel verrät in seinem "Paar" die Auseinandersetzung mit der Art des Italieners Marino Marini. Von Marcks sehen wir wichtige Arbeiten, die in Venedig auf der Biennale 1952 vergleichsweise "verhalten" und "beruhigt" wirkten, hier in rein deutscher Umgebung dagegen viel stärker hervortreten; ferner zeigt Josef Jaekel Metallplastiken, die Interesse erregen. - Bei den Kunsthandwerkern festigt sich weiterhin die Wendung vom schnittig-asketischen" Bauhausstil" zu weicheren, gerundeten Formen; auch kleinteiliges Ornament tritt wieder auf. Die Photos bedeutender neuer Bauten aus Frankfurt, Mainz, Bonn und Köln geben der gelungenen Schau eine gute Folie.

Nils von Holst

Zum Seitenanfang

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
(Seite 4 / Freitag, 27.März / Nr. 73 )

Von Freiburg bis Xanten

"Kunst am Rhein 1953" / Ausstellung im Landesmuseum Wiesbaden

   An Weihnachten 1952 sah man im Wiesbadener Landesmuseum eine Verkaufsausstellung hessi-scher Künstler; der eine allzu kopfstarke Jury kein Gesicht zu geben gewußt hatte. Diesmal hat Dr. Weiler von der Wiesbadener Städtischen Galerie verantwortlich eine Auswahl getroffen. Sofort werden im Gesamtbild charakteristische Linien deutlich, und der Betrachter spürt dankbar eine kluge Hand hinter den Kulissen. Aehnliche Beobachtungen macht man stets auf den Biennale-Ausstellungen in Venedig: die von einem einzelnen geformten Pavillons sind durchweg prägnanter als das, was eine noch so gutwillige Jury zusammenstellt. Das jeweilige Kunstschaffen eines Gebiets und eines Zeitraumes ist ein Rohstoff, der nicht einfach ausgebreitet werden kann; Wählen, Gruppieren, Akzente setzen, das kann nur ein einzelner. Es ist ähnlich wie beim Theater, der Regisseur ist unentbehrlich und er kann Schwächen des Stücks und einseitige Begabung der Akteure in hohem Grade verbergen. Hierin war vor 25 Jahren in Berlin Ludwig Justi ein Meister, wie es seitdem keinen wieder gegeben hat.
   In Wiesbaden ist gute Arbeit geleistet worden: Malerei, Grafik, Plastik, Kunsthandwerk und Architektur (diese in Großfotos veranschaulicht) sind klar aufeinander abgestimmt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Malerei und Plastik für sich zu zeigen. Die Erfahrung lehrt. daß in Deutschland neunzig Prozent der Kunstfreunde vorwiegend auf Farben reagieren und bei gemischter Aufstellung die Skulpturen einfach nicht "sehen"; finden sie gesonderte Schauräume für Plastik vor, stellen sie sich zögernd schließlich auf sie ein.
   "Kunst am Rhein", das bedeutet am Niederrhein das Gebiet um Köln-Düsseldorf, allem Modernen aufgeschlossen. Vom Ruhrgebiet her von Technik durchweht. Um einen Grad konservativer ist der "Mittelrhein", Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Mann-heim, Heidelberg. Ferner meldet sich im Süden das Karlsruher Gebiet, dann etwa die Pfalz und schließlich nicht zu übersehende Einzelgänger wie Eduard Frank im Nahe-Tal. So gewinnt das Gesamtbild Leben und Fülle.
   In Architektur und Kunsthandwerk beobachten wir die Auseinandersetzung zwischen den strengen und schnittigen "Bauhausformen" und der schwellenden, kleinteiligen, die Ornamentik nicht verschmähenden Art, die neuerdings auch in Mailand und Paris spür-bar wird. Heinz Rasch-Wuppertal zeigt in Industrie-bauten noch jene "technoiden" eckigen Formen, während bei Johannes, Krahn, Frankfurt (Franzö-sische Botschaft, Godesberg) und bei Hermann Mäckler, Frankfurt (Treppe des Frankfurter Caritas-Wohnheims) weichere Wirkungen gesucht werden. Beim Kunsthandwerk dringt das Ornament vor: der amüsant ornamentierte Körper der aus Ton modellierten Katze von Kurt Deckum, die Ziergitter Joseph Jaeckels im Treppenhaus einer Schule, ferner Arbeiten von Wilhelm Mühlendyck und Hans Starke seien als Beispiele genannt.
   Unter den Bildhauern dominiert Gerhard Marcks mit einer Fülle bedeutender, teilweise 1952 schon in Venedig gezeigten Arbeiten, während sein Altersgenosse Mataré merkwürdig dekorative Reliefs von geringer Intensität zeigt. Joseph Jaekel ist vielseitig vertreten; besser als seine jüngsten an Gargallo in Paris anschließenden Arbeiten aus Eißenblech gefallen uns die 1948/50 entstandenen Köpfe und Gestalten. Mettels ."Paar" zeigt die Wirkung der Kunst des italienischen NeoRealisten Marino Marini; die von diesem angeregte sinnliche Fülligkeit der Körper gibt der sonst etwas konstruierten Gruppe Leben. Mettels Porträtkopf des Dr. Bredow und derjenige des Malers Erich Heckkel von Emy Roeder, beide soeben vollendet, sind die besten Bildnisleistungen der ganzen Schau; die Malerei hat ihnen nichts Gleichwertiges zu bieten.
   Ueberhaupt scheint im Bereich der Farben und linearen Formen gegenwärtig eine Art Manierismus zu herrschen. Man lebt, wie in Florenz um 1580, von den Errungenschaften der Väter und Großväter, und Einsichtige rufen nach einem neuen Caravaggio, der Fenster öffnet und neue Impulse bringt. Im abstrakten Lager sind die am besten durch dachten Arbeiten Künstlern zu danken, welche älter als 50 Jahre sind (Ritschl, Nay); der Nachwuchs kann hier nicht fesseln. Hingegen festigt die Wiesbadener Schau den jungen Ruhm von zwei deutschen Neo-Realisten, Werner Arndt (geb. 1918) und Gerhard Hintschich (geb. 1924); beide wuchern gewissenhaft mit ihrem Pfunde. Von bekannten Malern der mittleren Generation, die in Wiesbaden mit neuen Arbeiten vertreten sind, nennen wir Hubert Berke ("Afrikanisches"), Georg Heck ("Der Tausch"), Peter Janssen ("Vögel auf der Fähre"), Ferdinand Lammeyer ("Don Quijote") und Oswald Petersen ("Kiesgrube").

ebg

Zum Seitenanfang

DIE RHEINPFALZ
(Nr. 74 / Samstag, 28.März 1953)

"Kunst am Rhein 1953" in Wiesbaden

Auf der Ausstellung sind auch Pfälzer vertreten

   Zu Weihnachten 1952 sah man im Wiesbadener Landesmuseum eine Verkaufsausstellung hessi-scher Künstler, der eine allzu kopfstarke Jury kein Gesicht zu geben gewußt hatte. Diesmal hat ein einzelner, Dr. Weiler von der Wiesbadener Städti-schen Galerie, verantwortlich eine Auswahl getrof-fen: sofort werden im Gesamtbild charakterißtische Linien deutlich und der Betrachter spürt dankbar eine kluge Hand hinter den Kulissen.
   In Wiesbaden ist gute Arbeit geleistet worden: Malerei, Graphik, Plastik, Kunsthandwerk und Archi-tektur (diese in Großphotos veranschaulicht) sind klar aufeinander abgestimmt. Vielleicht wäre es besser gewesen, Malerei und Plastik für sich zu zeigen. Die Erfahrung lehrt, daß in Deutschland neunzig Prozent der Kunstfreunde vorwiegend auf Farben reagieren und bei gemischter Aufstellung die Skulpturen einfach nicht "sehen"; finden sie geson-derte Schauräume vor, stellen sie sich zögernd schließlich auf sie ein.
   "Kunst am Rhein", das bedeutet oben am Nieder-rhein das Gebiet um Köln-Düsseldorf, allem Moder-nen aufgeschlossen, vom Ruhrgebiet her von Tech-nik durchweht. Um einen Grad konservativer ist der "Mittelrhein", d.h. Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Mannheim, Heidelberg. Ferner meldet sich im Süden das Karlsruher Gebiet, dann die Pfalz und schließlich nicht zu übersehende Einzelgänger wie Eduard Frank im Nahe-Tal. So gewinnt das Ge-samtbild Leben und Fülle.
   In Architektur und Kunsthandwerk beobachten wir die Auseinandersetzung zwischen den strengen und schnittigen "Bauhausformen" und der schwellenden, kleinteiligen, Ornamentik nicht verschmähenden Art, die neuerdings auch in Mailand und Paris spürbar wird. Heinz Rasch (Wuppertal) zeigt in Industrie-bauten noch jene "technoiden" eckigen Formen, während bei Johannes Krahn (Frankfurt) (Fran-zösische Botschaft, Godesberg) und bei Hermann Mäckler (Frankfurt) (Treppe des Caritas-Wohnheims, Frankfurt) weichere Wirkungen gesucht werden. Beim Kunsthandwerk dringt das Ornament vor; der amüsant ornamentierte Körper der aus Ton mo-dellierten Katze von Kurt Deckum, die Ziergitter Joseph Jaeckels im Treppenhaus einer Schule, ferner Arbeiten von Wilhelm Mühlendyck und Hans Starke seien als Beispiele genannt.
   Unter den Bildhauern dominiert Gerhard Marcks mit einer Fülle bedeutender, z. T. 1952 schon in Venedig gezeigten Arbeiten, während sein Alters-genosse Mataré merkwürdig dekorative Reliefs von geringer Intensität zeigt. Joseph Jaekel ist vielseitig vertreten; besser als seine jüngsten an Gargallo in Paris anschließenden Arbeiten aus Eißenblech gefallen uns die 1948/50 entstandenen Köpfe und Gestalten. Mettels ."Paar" zeigt die Wirkung der Kunst des italienischen Neo-Realisten Marino Marini; die von diesem angeregte sinnliche Fülligkeit der Körper gibt der sonst etwas konstruierten Gruppe Leben. Mettels Porträtkopf des Dr. Bredow und derjenige des Malers Erich Heckkel von Emy Roeder, beide soeben vollendet, sind die besten Bildnisleistungen der ganzen Schau; die Malerei hat ihnen nichts zur Seite zu setzen.
   Ueberhaupt scheint im Bereich der Farben und linearen Formen gegenwärtig eine Art Manierismus zu herrschen. Man lebt, wie in Florenz um 1580, von den Errungenschaften der Väter und Großväter, und Einsichtige rufen nach einem neuen Caravaggio, der Fenster öffnet und neue Impulse bringt. Im abstrakten Lager sind die am besten durchdachten Arbeiten Künstlern zu danken, welche älter als 50 Jahre sind (Ritschl, Nay); der Nachwuchs kann hier nicht fesseln. Hingegen festigt die Wiesbadener Schau den jungen Ruhm von zwei deutschen Neo-Realisten, Werner Arndt (geb. 1918) und Gerhard Hintschich (geb. 1924); beide wuchern gewissenhaft mit ihrem Pfunde. Von bekannten Malern der mittleren Generation, die in Wiesbaden mit neuen Arbeiten vertreten sind, nennen wir Hubert Berke, Georg Heck, Peter Janßen, Ferdinand Lammeyer, Oswald Petersen und Rolf Müller (Landau).

N. v. H.

Zum Seitenanfang

Süddeutsche Zeitung Nr. 79 Seite 7
(Dienstag, 7.April 1953)

In Wiesbaden Bildende Kunst am Rhein

   Die Ausstellung "Kunst am Rhein 1953", die bis Ende Mai im Neuen Museum in Wiesbaden gezeigt wird, ist eine der lebendigsten der letzten Jahre. Der Begriff der alten Kulturlandschaft am Rhein ist nicht eng gefaßt, die ganze Pfalz zum Beispiel ist mit einbezogen. Auch stellen zahlreiche Künstler aus, die nicht am Rhein geboren sind, sondern wie Werner Arndt, Hanni Floris, Gerhard Hintschich, Hans Leistikow, Bernhard Schultze, Joachim Utech aus dem deutschen Osten stammen oder wie Marcks und Nay aus Berlin und Heckel aus Sachsen. Sehr schön sichtbar wird an dieser Aus-stellung, daß die Grenzen zwischen gegen-ständlicher und ungegenständlicher Kunst nicht mehr streng gezogen sind, daß ein gewisser Ausgleich bereits stattgefunden hat. Ein gemein-samer Stilwille durchzieht weithin alle Gebiete der bildenden Kunst. Das zeigt gerade. die Wiesbadener Ausstellung, die außer Malerei, Graphik und Plastik auch die Architektur und das Kunsthandwerk einbezieht. Es ist ein antinaturalistischer, auf Klarheit gerichteter Stilwille, der jedoch in Wiesbaden recht sinnenhaft in Erscheinung tritt.
   Bei der Malerei herrschen die hellen, die froh leuchtenden Farben vor. In den Landschaften von Erich Heckel sind sie allerdings etwas blaß geworden. Der stärkste Eindruck geht bei den naturgebundenen Bildern von den großflächig und sicher gebauten Arbeiten des fünfunddreißig-jährigen, aus Stralsund stammenden, Werner Arndt aus. Ein kraftvolles, fest die Erscheinungswelt an-packendes und formendes Daseinsgefühl spricht aus ihnen. Herrlich kultiviert ist dabei der große Akt "Mädchen vor dem Spiegel" gemalt. Ferdinand Lammeyer, den man bislang vor allem als strengen Gestalter der Landschaft kannte, erscheint mit neuen figürlichen Arbeiten von oft grotesker Phantastik in hellen Farben. Rolf Müller-Landau gliedert seine gleichfalls phantasievollen Figuren-kompositionen wieder in aparten Farbklängen. Peter Herkenrath vereinfacht stark und kommt dabei durch rhythmische Reihung der Formen zu so suggestiv wirkenden Werken wie den "Nonnen". Kraftvoll und doch gesättigt an Daseinswirklichkeit, vereinfacht auch Friedrich Vordemberge. Bei Georg Meister-mann dagegen wird die Gefahr immer deutlicher, daß er sich im Format übernimmt. Das gilt bis zu einem gewissen Grade auch für die großen Flächen von Otto Ritschl. Doch ist Ritschl neben dem immer noch unbändigen, die Bildränder überbordenden Ernst Wilhelm Nay hier von den gegenstandslos Malenden der kraftvollste. Recht apart Hubert Berke in seinen kleineren Formaten.
   Bei der Plastik stellt Gerhard Marcks eine ganze Reihe neuerer Arbeiten aus. Neben Werken mit der für ihn charakte-ristischen herben Anmut stehen aber auch sinnen-haftere, in den Formen fülligere wie die Bronze der "Vertriebenen Eva" von 1952. Hans Mettel bewegt sich in seinen neuen Arbeiten zwischen den Polen einer gewissen Naturnähe und einer archaischen Vereinfachung ("Das Paar"). Von Ewald Mataré sind seine Farbholzschnitte beson-ders schön. Joachim Utech nutzt sehr die Ober-flächenwirkungen des grobkörnigen grauen Mar-mors, während Emy Roeder in ihren Porträtköpfen auch mit graphischen, also sich einschreibenden Mitteln die Form erarbeitet. Bei der Architektur herrschen gleichfalls die klaren Formen vor. Das gilt sowohl für die Älteren wie Otto Bartning; Wilhelm Riphahn und den sensibel an noch Bestechendes sich anschließenden Rudolf Schwarz wie für die Jüngeren wie Alois Giefer und Hermann Mäckler. Auch das Kunsthandwerk fügt sich mit seinen Wandteppichen, Krügen, Schalen und Schmuck mit so bekannten Namen wie Grete Badenheuer. Wim Mühlendyk und Elisabeth Treskow dem hellen und frohen Grundklang dieser Ausstellung ein, ohne sich dabei an Verspieltheiten zu verlieren.

hd

Zum Seitenanfang

Rheinische Post
(Verlagsort Düsseldorf, Mittwoch, 8.April 1953)

"Kunst am Rhein 1953"

   In der großen Ausstellung "Kunst am Rhein 1953", die im Wiesbadener Neuen Museum bis zum 31. Mai gezeigt wird und die eine der lebendigsten der letzten Jahre ist, erscheint der Mittel- und der Niederrhein besonders zahlreich und stark vertreten. Ari W. Kampf zeigt ein in seinem Realismus ele-gantes Damenporträt, Peter Janssen kompositionell klar gegliederte Temperaarbeiten in leichter Form-vereinfachung und hellen Farben. Peter Herkenrath kommt in rhythmischer Reihung stark abstrahierter Figuren zu suggestiven Wirkungen wie in dem Bild der "Nonnen". Auch Oswald Petersen bleibt in der Formvereinfachung der Naturwirklichkeit verbunden. Das gilt gleichfalls für die kraftvollen Bilder von Friedrich Vordemberge. Leicht und doch genau setzt Robert Pudlich seine Konturen, während in den Zeichnungen von Otto Pankok der Strich, wie stets bei ihm, erregt vibriert. Ungestüm überspringen die ungegenständlichen Formen von Ernst Wilhelm Nay die Bildränder. Bei einer Arbeit wie "lm großen Baum" wird für. Georg Meistermann wieder die Gefahr deutlich, die ihm durch das Wählen von zu großen Formaten droht. Recht apart Hubert Berke in seinen kleineren Formaten. Unentschiedener schreibt Hanns Trier seine Formgebilde, am besten die einfach "Komposition" genannte Arbeit.
   Bei der Plastik stellt Gerhard Marcks eine ganze Reihe neuerer Werke aus. Neben Arbeiten in den für ihn charakteristischen schlanken Formen und herber Anmut stehen aber auch sinnenhaftere, fülligere wie die Bronze der "Vertriebenen Eva'' von 1952. Von Ewald Mataré sieht man neben auf den Reiz der Konturen gestellten Eisengußarbeiten besonders schöne Farbholzschnitte. Joseph Jaekel zeigt eine in ihren leicht "gotisch" gestreckten Formen sehr sensibel durchgeformte Büste einer jungen Frau und die flächig, als Relief gesehene Figur eines Hirten. Zoltan Szekessys allegorische Holzplastik. "Das Buch" genannt, wirft verzückt den Kopf zurück. Joachim Utechs stark vereinfachte Vogelfiguren holen ihre Wirkungen nicht zuletzt aus dem Ober-flächenreiz des grobkörnigen grauen Steins. Ludwig Gies stellt seine reizvollen Plaketten aus.
   Die Ausstellung als Ganzes macht wieder einmal sichtbar, daß gegenständliche und ungegen-ständliche Kunst heute keine Gegensätze mehr bedeuten, daß ein fruchtbarer Ausgleich bereits stattgefunden hat. Darüber hinaus geht von ihr eine angenehme Frische aus. lhr fügen sich die in Fotos gezeigten neuen Bauten von Otto Bartning, Wilhelm Riphahn, Rudolf Schwarz, Alois Giefer und Hermann Mäckler ein, sowie das fast ganz auf modische Verspieltheiten verzichtende Kunsthandwerk mit so bekannten Namen wie Grete Badenheuer, Wim Mühlendyck und Elisabeth Treskow an der Spitze. Die alte Kulturlandschaft am Rhein hat von neuem ihren sinnenhaften Zauber entfaltet, bezieht in ihn auch Künstler ein, die wie Utech oder die sehr begabten jungen Maler Werner Arndt und Gerhard Hintschich aus dem deutschen Osten kommen.

Hermann Dannecker

Zum Seitenanfang

WIESBADENER KURIER
(DONNERSTAG, 23.April 1953 )

Diskussion im Landesmuseum

Das gegenständliche Bild unserer Zeit

   Gibt es einen Stil der wirklichkeitsnah, der Ausdruck unserer Zeit ist? Kann man dabei von einem "neuen Realismus" sprechen? Diese Fragen Dr. Clemens Weilers gabenden Auftakt zur ersten Diskussion über die Ausstellung "Kunst am Rhein 1953". In Rede und Gegenrede sollten sie geklärt werden.Wer annahm, daß die Beantwortung nicht schwierig sei, da an diesem ersten Abend lediglich gegenständliche Malerei behandelt wurde, täuschte sich. Nach anfänglich sehr zögernder, tastender Beantwortung lösten sie einen neuen Themen-komplex aus, der recht in die Breite geriet und stellenweise auch vom Wesentlichen abwich. Schon das Wort:"gegenwartsnah" entpuppte sich als gefährlich. Auch über die Darstellung des Gegen-standes beziehungsweise wie ihn der Maler und wie ihn das Publikum sieht, entbrannte Streit. Um Stoff- und Farbwirkung ging es dabei. Das Wort "organi-sieren" wurde interessanterweise in die Diskussion geworfen. Verstanden im Sinne des Bildbaus. Während früher der Künstler gleichsam naiv malte, ist heute der gestalterische Wille von aus-schlagebender Bedeutung. Freilich, die Inspiration muß da sein. Aber sofort danach kommt die Periode des "Durchdenkens", des" Organisierens". Ein typi-sches Zeichen unserer Zeit, im Leben wie in der Kunst. Bis auf einige abwegige Äußerungen - was soll es, der heutigen Malerei geistige Armut im Vergleich mit französischen Kathedralen vorzu-werfen, mit; dem Frauenturnen den Unterschied zwischen altmeisterlichen und modernen Akten erklären zu wollen, oder Auftragszwang und fall-weise Michelangelos "Begabung" in einen Topf zu werfen! - standen sich immer wieder die gleichen Teilnehmer in Rede und Widerrede gegenüber.
   Sozusagen nach Hause tragen konnte man von dieser ersten Diskussion in der Hauptsache eines: Worte des Malers Werner Arndt. Er war zufällig anwesend und wurde aufgefordert, über seine Bilder zusprechen. Er tat es in bescheidener, nachdenk-licher, ja überlegener Form. Er rekonstruierte den Werdegang seiner Werke, den "schöpferischen Winkel", wie es Baumeister nennt, vom Augenblick der Inspiration an bis zum Endergebnis. Eine geistige und farbige Einheit müsse ein modernes Bild sein, eine Welt für sich, nicht nur ein begrenzter Ausschnitt aus der Unendlichkeit der Natur: Ursprünglich schöpferisch und nicht nachahmend schöpferisch. Der Bildaufbau sei mit der "Entstoff-Iichung", der Erkenntnis des Wertes der absoluten Farbe, ein Kennzeichen der modernen Malerei. Der Maler freilich muß das Gesetz der Mitte für sich jeweils selbst finden.
   Neben Arndts Werken waren es noch die von Peter H e r k e n r a t h (jene Regenschirm Männer. Nonnen ohne Gesicht und "Leere Stühle"), auf die sich die Diskussion über die gegenständliche Malerei erstreckte. Zwei naturnahe Maler und dennoch zwei Welten. Dr. Clemens Weiler charakterisierte sie in seinem Schlußwort knapp und treffend: Herkenrath behandelt die Gegenstände mit Witz und Ironie, Arndt nähert sich ihnen mit Ehrfurcht und malt mit Liebe.
   In vierzehn Tagen will man sich wiederum im Landesmuseum treffen. Unter Dr. Schenk zu Schweinsbergs Leitung soll das Für und Wider der abstrakten Malerei erwogen werden.   

TPH

------------------------------
Abbildung:

WERNER ARNDT: "Blick aus dem Atelierfenster"
Das vorstehende Bild stand kürzlich im Mittelpunkt einer Diskussion in der Ausstellung "Kunst am Rhein 1953", die gegenwärtig im Wiesbadener Landesmuseum gezeigt wird.

Fotos(2): HARTH

Atelierfenster

Zum Seitenanfang